Plakatives

Plakate waren noch vor gar nicht so langer Zeit das zentrale Medium, um auf Ereignisse und Veranstaltungen hinzuweisen. Dieser Rang wurde ihnen inzwischen von den elektronischen Medien, und hier vor allem den von sog. ‚Sozialen Medien‘ abgelaufen. Dennoch bestimmen sie vielerorts auch weiterhin das Bild der Straßen und öffentlichen Plätzen.

Auch die Litfaßsäule hat ihre Funktion noch nicht völlig eingebüßt und ergänzt ebenso wie Plakatwände an Bushaltestellen oder in Wartehäuschen die digitale Werbung. Ein Relikt aus vergangenen, analogen Zeiten hat sich erhalten und vermittelt mitunter eine eher nostalgische Atmosphäre, die jedoch zur Belebung vor allem von Innenstädten einen Beitrag leistet, oder auch Anlass ist, als Passant kurz stehen zu bleiben und sich zu informieren.

Die über die rein grafische Gestaltung hinausgehende Bedeutung von Plakaten wurde im letzten Jahrhundert von Künstler*innen erkannt, die sie in ihre Arbeiten einbezogen und schließlich bis zur Décollage weiterentwickelten.

„Seit 1949 wurde die Décollage in Frankreich von Raymond Hains, Jacques de la Villeglé[3] und ab 1957 von François Dufrêne verwendet; sie gehörten im Jahr 1960 zu den Gründungsmitgliedern des Nouveau Réalisme. Seit Anfang der 1950er Jahre wurde die Technik auch von Mimmo Rotella und Wolf Vostell praktiziert. Des Weiteren wurde diese Technik in abgewandelter Form von Robert Rauschenberg genutzt, der Fotografien verwischte und Bilder und Texte übermalte; César und John Chamberlain pressten Metallkonsumgegenstände aller Art zusammen.“[1]

Damit verbunden war eine Entfunktionalisierung, die zugleich zu einer Ästhetisierung führte. Ästhetisch war fortan nicht nur das grafisch ansprechend gestaltete Plakat, das seine Botschaft perfekt übermittelte, sondern auch dessen Bearbeitung und Einbeziehung in einen erweiterten künstlerischen Kontext.

An dieser Stelle kommt nun die Fotografie ins Spiel. Sie kann zweierlei leisten:

Erstens, ein Medium dokumentieren, das sich immer mehr von seiner eigentlichen Bedeutung entfernt, indem fotografisch Litfaßsäulen, Plakatwände oder freies Plakatieren an den angestammten Plätzen chronistisch festgehalten wird.

Zweitens können Abwandlungen der Plakate, wie sie von der Umwelt immer zufällig oder durch mechanische Zerstörung erfolgen, als fotografische Vorlage dienen. Dabei entsteht ein Bild (Foto) eines Objekts (Plakat), das dessen momentanen Zustand festhält und durch den späteren Ausdruck und die damit verbundene Vergrößerung der Fotografie zum einen festhält, vor allem aber zu einem eigenständigen Bildobjekt macht, das für sich steht und weiteren Veränderungsprozessen entzogen ist. Die Fotografie vermittelt also eine eigenständige Bildqualität und Bildsprache des aufgenommen (Plakat-)Objekts und überführt es dabei vom Massen- und Zufallsprodukt zum künstlerischen Unikat. Der Fotograf entscheidet, ob das Motiv für ihn die damit verbundenen Qualitätsansprüche erfüllt.

An diesem Punkt verbindet sich der Ansatz des Fotografen mit denen der Künstler*innen der früheren Jahre, die mit ihren künstlerischen Mitteln gezielt in die Vorlage „Plakat“ eingegriffen oder diese weiterentwickelt haben.

Dem Fotografen bietet sich somit letztlich ein dreifacher Ansatz für seine Motivwahl:

  • der dokumentarische Ansatz (ich halte eine Situation fest);
  • der auf die Umgebung Bezug nehmende (ich setze das Objekt in Bezug zu seiner Umgebung);
  • und der fixierende Ansatz (ich halte einen bestimmten Zustand des veränderten Gegenstands ‚Plakat‘ fest und lasse durch die Unveränderbarkeit des Fotos ein eigenständiges Motiv entstehen).

Die folgenden Bildbeispiele beziehen sich vor allem auf den zweiten und dritten Ansatz. Auf den rein dokumentarischen Ansatz wird an anderer Stelle zu einem späteren Zeitpunkt eingegangen werden, da hierfür die notwendigen Vorabreiten noch nicht abgeschlossen sind.

Ein Schwerpunkt ergibt sich allerdings in Bezug auf die Décollage, da diese Form der auftretenden Veränderungen am Häufigsten ist. Daher an dieser Stelle noch ein Verweis auf einen interessanten Artikel https://www.nzz.ch/feuilleton/kunst_architektur/das-leben-ist-decollage-1.18443569 

Nicht zuletzt ergeben sich immer wieder auch grotesk-lustige Szenen, die weniger künstlerischen Aspekten genügen, also eine besondere Form der Alltagskomik darstellen. Auch die sollen in diesem Zusammenhang ihren Platz finden. Schließlich sind es ja gerade sie, die uns immer wieder zum Schmunzeln bringen.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%A9collage (10.02.2020)

Bildbeispiele

Nebenbei entdeckt

© Jürgen Ritter 2020 – Hinweis: Alle Aufnahmen stammen von öffentlichen Plakatwänden und waren frei zugänglich.