Augenblicke in Schwarz und Weiß

Jürgen Ritter – Fotografie

Eine kurze Einführung in die Ausstellung

Die Motive der Fotografien in dieser Ausstellung sind dem fotografischen Genre der Straßenfotografie zuzuordnen.

Die Straßenfotografie ist ein Bereich, der sich von anderen fotografischen Disziplinen vor allem durch folgende Aspekte unterscheidet:

1. Straßenfotografie ist nicht inszeniert.

Das heißt, die Bilder werden nicht geplant, sondern „gefunden“. Wichtig ist dabei, dass die Motive auch nicht bewusst arrangiert sein dürfen. Allerdings können durchaus Motive entdeckt werden, die arrangiert sind und dabei den Charakter von Stillleben haben. Allerdings dürfen diese nicht mit dem Zweck installiert worden sein, sie zu fotografieren und auch nicht vom Fotografen selbst stammen. Ebenso wenig sollte ein vorgefundenes Arrangement verändert werden.

Das Charakteristikum der Straßenfotografie könnte so beschrieben werden: der Fotograf kommt nicht zum Motiv, sondern das Motiv kommt zum Fotografen und will von diesem entdeckt und festgehalten werden.

2. Straßenfotografie ist somit entdeckende Fotografie von Vorgefundenem. Dabei kann sie zwei unterschiedlichen Prinzipien folgen:

Sie kann spontane Fotografie sein und als solche Situationen festhalten, die dem Fotografen unmittelbar begegnen. Hierbei kann sie durchaus auch dokumentarischen Charakter haben oder einfach nur Mittel zur Erinnerung an bestimmte Situationen und Zusammenhänge sein. Sie kann in diesem Zusammenhang aber auch die Funktion haben, Bildserien zu bestimmten Motiven zu erstellen. Der Fotograf kann sich so auf die Spurensuche nach Motiven machen, die er in Serien zusammenfasst.

Straßenfotografie kann aber auch entdeckende Fotografie sein. Dabei hält der Fotograf Situationen im Bild fest, die ihm auffallen und als eigenständige Bildkomposition wichtig erscheinen.

3. Straßenfotografie findet in der Regel im öffentlichen Raum statt.

Vor dem Hintergrund der vorgenommenen definitorischen Eingrenzung der Straßenfotografie muss diese noch abgegrenzt werden gegenüber ähnlich wirkenden Disziplinen, wie z.B. der Urlaubsfotografie. Diese folgt von vorne herein einem ganz anderen Ansatz. Ihre Aufgabe ist es, konkrete Erinnerungen festzuhalten. Dabei spielen kompositorische Elemente zunächst eine untergeordnete Rolle. Dazu kommt, dass Bilder in diesem Bereich in der Regel keinen spontanen Situationen folgen, sondern festgelegten Motiven mit hohem Wiedererkennungswert und Erinnerungsfaktor. Beides bezieht sich dabei immer unmittelbar auf die Personen der Reisenden. Dies unterscheidet, trotz einiger Ähnlichkeiten, die Reisefotografie von der Straßenfotografie, die, vom Motiv ausgehend, dieses in einen eigenständigen rezeptorischen Zusammenhang stellt, der auch ohne persönlichen Bezug zur Situation selbst eine Qualität an sich darstellt. Straßenfotografie erschließt sich dem Betrachter primär aus dem Kontext des Motivs und braucht nicht den Bezug zur Erinnerung an einen bestimmten Ort, eine Situation oder den Wunsch sich dort aufzuhalten.

Straßenfotografie ist in besonderer Weise von der subjektiven Bildvorstellung der Fotografen geprägt. Deren bildnerische Vorstellungen sind der Ausgangspunkt für die Motivauswahl, die sich in der Regel nicht am Herkömmlichen orientiert oder zumindest versucht, dieses in ungewöhnliche Zusammenhänge und Perspektiven zu bringen und diese unmittelbar wieder auf die Wahrnehmungsposition der Fotografen bezieht. Straßenfotografie folgt somit nie vorgegebenen, als allgemeingültig anerkannt geltenden Schönheitsstandards oder reproduziert klischeehaft Motive, wie dies vor allem in der Reise- und Urlaubsfotografie vorkommen kann. Der Grund dafür liegt in der einfachen Tatsache, dass Straßenfotografie nicht zwingend auf Wiedererkennbarkeit ausgerichtet ist und somit keinem Zwang unterliegt, dokumentarisch abzubilden. Sie folgt in ihrem spannendsten Bereich ausschließlich dem fotografischen Blick des Fotografen in Bezug auf die Motivauswahl und den damit verbundenen persönlichen Einstellungen im ästhetischen Bereich zu den Motiven. Dabei kann es zu Motiven kommen, die sehr stark abstrahierend oder rein grafischen Kriterien zuzuordnen sind.

Dieser Gedanke ist von besonderer Bedeutung im Hinblick auf die Rezeption der ausgestellten Arbeiten.

Es geht dabei ausschließlich um die Rezeption des Motivs als solches, unabhängig davon, ob es ein zufälliges Ereignis wiedergibt, oder eine Situation festhält, die, stilllebenartig, an sich keine Bedeutung hat, aber vom Motiv ausgehend eine eigenständige Bildqualität entwickelt, die dann durchaus allgemeingültigen Kriterien wie denen der Komposition, dem Spiel mit Schärfe und Unschärfe oder der Abstraktion bzw. abstrahierenden Übersteigerung unterliegen kann.

Der Betrachter begibt sich also in einen Dialog mit dem Motiv. Dieser kann auf das Motiv beschränkt bleiben, in dem es ausschließlich nach den persönlichen ästhetischen Vorstellungen des Betrachters beurteilt und rezipiert wird. Es kann aber auch in einen Kontext gestellt werden, in dem es – gerade in der Straßenfotografie – in Verbindung zu einem sozialen Bezug oder zu eigenen Eindrücken, Einstellungen und Vorerfahrungen gegenüber gebracht wird. Hierdurch findet in der Folge eine Beurteilung des Motivs vor dem ausschließlichen Hintergrund der persönlichen Erfahrungen und Einstellungen statt.

Der Betrachter kann sich den Motiven aber auch mit der Fragestellung nähern, in welchem Bezug der Fotograf zum Bild steht, was diesen bewegt haben könnte, eben dieses Motiv auszuwählen und abzubilden. Diese Zugangsweise spricht aus der Sicht der Betrachter eine Metaebene an und kommt vor allem dann zum Zug, wenn ihm der eigene Zugang nicht möglich ist. Er nähert sich dann seiner persönlichen Bildinterpretation über die Fragestellung, was einen anderen an dem Motiv interessiert haben könnte.

Dass solche Zugangsformen gesucht und angewandt werden müssen, liegt in der geschilderten Struktur der Straßenfotografie und dem hohen Maß an Zufälligkeit, das in dieser steckt. Das einfache, einen selbst zufrieden stellende Wiedererkennen von Bekanntem, mag punktuell möglich sein und soll keinesfalls ausgeschlossen werden, darf aber nicht Maßstab für diesen Bereich der Fotografie sein.

So bleibt abschließend noch ein kurzer Exkurs zur Technik anzufügen.

Die in der Ausstellung gezeigten Motive sind alle mit den Mitteln der Digitalfotografie als Farbbilder entstanden. Die Umwandlung in Schwarzweißbilder erfolgte nachträglich in gängigen Bildbearbeitungsprogrammen wie Picasa und Fotoshop entweder durch die vorgegebenen Umwandlungsfunktionen dieser Programme oder durch den Einsatz von Filtern.

Das Interessante an dieser Technik ist zweierlei:

Sie bietet einem die Möglichkeit der Reduktion und damit der Konzentration auf Wesentliches durch das Ausblenden der Farben und den Verzicht der damit häufig verbundenen Buntheit. Dabei kann der Fotograf zusätzlich gestalterisch einwirken, in dem er durch die ergänzende nachträgliche Veränderung von Kontrast und Helligkeit bzw. des kombinierenden Gammawertes austestet, wie weit hierdurch die vorgenommene Schwarzweißumwandlung im Hinblick auf die Bildwirkung gesteigert werden kann. Das heißt, er kann sich das gestalterische Problem stellen, in wie weit diese Technik die eigene subjektive Bildvorstellung und Aussageabsicht unterstützt oder wo Grenzen liegen, deren Überschreiten nicht mehr die Wirkungsabsicht erzielen, sondern die Bildwirkung so stark überzeichnen, dass diese verloren zu gehen droht. Entlang dieses Grenzbereichs fand die Umgestaltung der gezeigten Bilder in der Regel dadurch statt, dass eine bewusste Reduktion der Grauabstufungen angewandt wurde.

Ein weiterer Aspekt ergibt sich in diesem Zusammenhang zum historischen Kontext der Fotografie. Diese ist ursprünglich ausschließlich in schwarz/weiß angelegt gewesen, was zu Beginn vor allem technische Gründe hatte. Somit schlagen die Arbeiten in dieser Ausstellung einen Bogen zum Anfang der Fotografie und greifen deren Ursprünglichkeit auf.

Schlussbemerkung:

Alle Arbeiten sind unverändert, das heißt, sie wurden keinen digitalen Prozessen unterzogen, wie sie heute häufig üblich sind. (Mit Ausnahme der Umwandlung in schwarz/weiß). Im Sinne der traditionell klassischen Fotografie, der sich der Fotograf verpflichtet fühlt, wurden die Motive belassen, wie sie aufgenommen wurden. Es wurden keine Teile hinzugefügt oder weggenommen und auch auf die Selektion von Ausschnitten wurde verzichtet. Lediglich kleine Verunreinigungen, die jedoch keinen Einfluss auf die Bildwirkung selbst haben, wurden in Einzelfällen computertechnisch entfernt. Die Motive als solche sind nicht verändert, sondern entsprechen den Originalaufnahmen.

Beispielbilder aus der Ausstellung:

© für alle Bilder dieser Seite Jürgen Ritter