
Der Einführungstext:
„FotoGRAFISCH“
Jürgen Ritter
31.08. – 29.10.23 Ausstellung im Rheintorturm, Konstanz
Rede zur Eröffnung
Dr. phil. Hermann-Josef Krug, Singen
Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich zur Ausstellung und lade Sie ein, mit mir in die Bilderwelt des Fotografen Jürgen Ritter einzutauchen.
Der Titel der Ausstellung FotoGRAFISCH gibt Aufschluss über die Intention des Künstlers. Es geht um das Verhältnis von Fotografie und Grafik. Das Wortspiel FotoGRAFISCH ist also nicht nur als Ausstellungstitel zu verstehen, sondern auch als künstlerisches Programm.
Die Fotografien von Jürgen Ritter sind nicht der Reise-, Sport- oder Naturfotografie zuzuordnen, sondern stellen einen eigenständigen Bereich der Kunst dar. So gesehen gilt das Interesse des Fotografen weniger dem Tagesgeschehen in Politik, Wirtschaft oder Kultur, sondern vielmehr der künstlerisch-grafischen Gestaltung eines Motivs durch die Fotografie. Es geht also nicht darum, ein Objekt naturgetreu abzubilden, sondern es als Vorlage für eine künstlerische Interpretation zu nutzen.
Jürgen Ritter zeigt in der Ausstellung viele Motive aus der Bodenseeregion, aber auch Bilder, die er auf seinen Reisen aufgenommen hat. Zu sehen sind Landschaften, Außen- und Innenräume mit ihren Versatzstücken wie Brücken, Häuserfassaden, Wege, Straßen, Bänke, Litfaßsäulen, Wände und Treppen sowie fotografische Abstraktionen und Nahaufnahmen. Alle Motive sind in Schwarzweiß gehalten, viele sind durch Ausschnitte verfremdet. Diesen Verfremdungseffekt erzielt der Künstler durch die Reduktion des fotografierten Motivs auf geometrische Formen wie Punkt, Linie, Dreieck oder Quadrat. Gleichzeitig spielt er mit den Möglichkeiten von Licht und Schatten, nicht nur in den Nahaufnahmen.
Durch diese Methode reduziert er die Komplexität des Dargestellten und verstärkt durch geschickten Einsatz von Licht und Schatten die grafische Wirkung des Bildes. Mit diesem Kunstgriff lassen die Bilder, die sich auch in abstrakte Werke verwandeln können, einen Interpretationsspielraum zu.
Die Schneelandschaften, um nur einige Beispiele zu nennen, vermitteln den Eindruck eisiger Kälte und winterlicher Erstarrung; das Treppengeländer verdichtet sich zu einer linearen Grafik; die Ausschnitte von Brücken und Gebäuden erzeugen eine Atmosphäre kühler Planung; das Metallgitter der Fußgängerbrücke stört in einer Art Bildstörung den touristischen Blick auf den historischen Konstanzer Bahnhofsturm und hinterfragt damit die klischeehafte Idylle der Stadt. Und während die Sicht aus dem Flugzeugfenster in seiner Entrücktheit einem Traum von der Auflösung von Raum und Zeit gleicht, erzeugt der gleichmäßige Wellenschlag des Wassers einen fast schon hörbaren Rhythmus von Klängen.
Um diese Stimmungen einzufangen, achtet Ritter beim Fotografieren auf den richtigen Augenblick. In der Regel überlegt er sich vor dem Fotografieren genau, in welchem räumlichen Kontext er sein Motiv vorfindet und wie er den richtigen Moment einfangen kann. Mit einem sensiblen und kritischen Blick grenzt er sich von der heutigen Schnappschusskultur ab, die durch die grenzenlose Nutzung des Smartphones mittlerweile zu einer gigantischen Bilderflut geführt hat. Ritter klärt im Vorfeld seine Intention ab und bereitet das fotografische Setting vor. Dieser Prozess ist in seinen Bildern spürbar – die Aufnahmen entfalten eine poetische Kraft, sie erzählen eine Geschichte und laden uns dazu ein, an dieser Erzählung teilzuhaben.
In der Ausstellung finden wir mehrere großformatige Bilder. Eines zeigt ein Hochhaus. Durch den fotografischen Ausschnitt ist das Gebäude von seinem ursprünglichen sozialen und kulturellen Kontext isoliert. Mit anderen Worten: Das Hochhaus könnte überall stehen. Durch diese Isolierung erhält das Bild ein Eigenleben. Die modulare Rasterbauweise der Wohnzellen, die sich wiederholende Gleichförmigkeit der Fenster und der graue Himmel erzeugen eine Tristesse, in der die menschliche Individualität verloren gegangen ist. Man sieht keine Menschen, keine Sonnenschirme, keine Möbel – wie in einem riesigen Käfig bleiben die Fenster geschlossen. Nur auf einer Seite ragen die Blätter eines Baumes in den wolkenlosen Himmel. Als lebendiges Zeichen brechen sie die Monotonie des funktionalen Rasters auf und wecken die Neugier auf das, was sich dort abspielt. Jürgen Ritter schreibt dazu:
„Das Haus, dessen Fassadenausschnitt im Bild zu sehen ist, steht in Bangkok. Es ist eines der unzähligen dortigen Hochhäuser. Die Anzahl der Stockwerke des Gebäudes habe ich nicht gezählt. Das Motiv ist mir aufgefallen, weil sich zum einen der Kontrast ergibt zwischen der stark gegliederten Fassade und dem smogverhangenen, leer wirkenden Himmel, und zum anderen wegen des Versuchs, ein wenig Natur in den massiven Beton zurückzubringen. Nicht lösbar war die Frage, ob es sich um eine leere Wohnung handelt, auf deren Balkon sich eine Pflanze versamt hat oder ob es ein bewusst abgestellter Blumentopf der Bewohner ist. Für die Bildwirkung ist das letztlich aber nicht erheblich.“
Zweifellos irritiert das Bild – es erzählt eine Geschichte und lässt Raum für Interpretationen. Das botanische Versatzstück der Pflanze wirkt wie ein bizarrer Fremdkörper, und man fragt sich, ob es vielleicht nachträglich und digital in das Bild eingefügt wurde. Doch das ist nicht der Fall.
Auch wenn Jürgen Ritter inzwischen zur Digitalkamera greift und gelegentlich sogar sein Handy zum Fotografieren benutzt – er macht keinen Hehl daraus, dass er immer wieder mit dem Handy fotografiert, vor allem dann, wenn ihm ein Motiv spontan und völlig ungeplant begegnet -, bleibt er vorsichtig, was die digitale Nachbearbeitung seiner Bilder angeht. Er meint dazu:
„Umfangreiches Nacharbeiten ist mir fremd. (…) Photoshoppen ist eine große Versuchung und bietet Möglichkeiten, führt aber den Blick weg vom Eigentlichen. (…) Natürlich heißt das jetzt nicht, dass ich den digitalen Versuchungen völlig widerstehe. Ich setze sie aber nur sehr sparsam ein, zum Beispiel, um einen Bildausschnitt zu verändern, (…) Lichtreflexe zu beseitigen oder das Farbbild in schwarzweiss umzuwandeln“.
Richten wir nun einen Blick auf die Einordnung seines Werks in die Kunstgeschichte.
Auf den ersten Blick lassen sich Bezüge zur „Bauhaus-Fotografie“ und zum „Neuen Sehen“ der 1920er Jahre, aber auch zur „Subjektiven Fotografie“ der 1950er Jahre erkennen. So erinnert die Aufnahme des Treppenhauses der Konstanzer Galerie „Turm zur Katz“ mit ihrem geometrischen Bildaufbau, der Reduktion auf Grauwerte und der minimalistischen Lichtführung an das „Neue Sehen“ der 1920er Jahre.
Erinnern wir uns: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts revolutionierten Künstler wie Andreas Feininger oder Alexander Rodtschenko die fotografischen Kompositionsschemata. Von nun an bestimmten geometrische Elemente wie Diagonale, Horizontale, Kreise und Kreuze ihre Bildkompositionen.
Die Bewegung des „Neuen Sehens“ forderte mit ihrer Experimentierfreude die traditionellen fotografischen Konventionen heraus und schuf neue Ausdrucksformen in der Fotografie. Ziel war es, die Fotografie als eigenständige Kunstform in der Kunstwelt zu positionieren und sie damit von der reinen Dokumentation, also der exakten Wiedergabe des Gesehenen, zu befreien. Um dies zu erreichen, experimentierten die Künstler mit ungewohnten Perspektiven, außergewöhnlichen Kompositionen und neuartigen Abstraktionen – dies ermöglichte es den Fotografen, einen subjektiven und künstlerischen Blick auf die Realität des Alltags zu werfen. In den 1950er Jahren setzte dann die „Subjektive Fotografie“ mit der Künstlergruppe „fotoform“ und ihren Vertretern wie der Überlinger Siegfried Lauterwasser oder Toni Schneiders aus Lindau diese Tradition fort.
An dieser Stelle möchte ich daran erinnern, dass das Kunstmuseum Singen im Jahr 2022 Toni Schneiders und das „fotoforum“ in einer großen Ausstellung präsentierte.
Jürgen Ritter schlägt eine Brücke zwischen der traditionellen Moderne und der zeitgenössischen Fotografie.
Mit seiner künstlerischen Experimentierfreude greift Ritter zwar das Erbe der Moderne auf, er entwickelt es aber weiter und führt es in einer Art szenischer Aufführung, also performativ, ins 21. Jahrhundert. Davon zeugen seine Fotografien des urbanen Raums, seine atmosphärisch aufgeladenen Bilder von Außen- und Innenräumen und sein Dialog zwischen Fotografie und Grafik.
Mit anderen Worten: Jürgen Ritter leistet mit seiner Ausstellung einen performativen Beitrag zur aktuellen Fotokunst. Indem sich seine FotoGRAFIK immer auch mit Erzählungen verbindet, gelingt es ihm, einen Möglichkeitsraum der Imagination zu öffnen.
Um es mit den Worten des Konstanzer Literaturwissenschaftlers und Fotohistorikers Bernd Stiegler zu sagen:
„Photographien zeigen keine Geschichte, sondern eröffnen Bilderräume und (Bilder)-folgen, über die (…) Geschichten erzählt werden können, Geschichten im Plural wohlgemerkt.“[1]
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
[1] Bernd Stiegler: Montagen des Realen, Fink Verlag München 2009, S. 71.
© Dr. Hermann-Josef Krug 2023