Abstraktion

Zum Hintergrund der Bilder

Aus: Fanz Marc und Joseph Beuys, Im Einklang der Natur, München 2011

Zu Beginn dieses Kapitels soll eine Definition stehen, was unter Abstraktion in der Kunst verstanden werden kann.

Abstrakte Kunst ist eine Sammelbezeichnung für nach 1900 in Erscheinung tretende Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts. Sie verwendet die bildnerischen Gestaltungsmittel teils – wie der Kubismus – vom Gegenstand abstrahierend, teils völlig losgelöst von Natur und realen Gegenständen (gegenstandslose Kunst). Werke der ersteren Kategorie zeigen abstrahierte („verwesentlichte“, auf eine Essenz verdichtete) Gegenstände, Figuren, Räume.

Werke der letzteren Kategorie bedienen sich autonom der visuellen, künstlerischen Mittel, ohne jeglichen (…) Gegenstandsbezug.

In der Verbreitung der Fotografie mit ihrer neuen Qualität der Naturwiedergabe wird eine der Ursachen für das Entstehen der abstrakten Kunst gesehen.[1]

Geht man von dieser Definition aus, ist die Fotografie eher Anlass für abstrahierende Entwicklungen in der Kunst als ein eigenes künstlerisches Medium, das Abstraktion aufgreift, gestaltet und vermittelt.

Für die weitere Darstellung der Motivation, die Fotografie abstrahierend einzusetzen, soll die These: In der Verbreitung der Fotografie mit ihrer neuen Qualität der Naturwiedergabe wird eine der Ursachen für das Entstehen der abstrakten Kunst gesehen (s.o.) genauer betrachtet werden.

Bedenkt man nämlich, dass in der Kunst detailgenaues, naturgetreues Arbeiten zum Zeitpunkt des Aufkommens Fotografie schon längst ein Maßstab war, stellt sich die Frage, ob es richtig ist, der Fotografie alleine die neue Qualität der Naturwiedergabe zuzusprechen.

Betrachtet man Arbeiten zum Beispiel von Jan van Eyck ist man überrascht über die hohe, fast fotografische Detailgenauigkeit seiner Bilder.[2] Das war in der Mitte des 15 Jahrhunderts. Ebenso könnten für den architektonischen Bereich Arbeiten von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, als Beispiele genannt werden, der mit seinen Stadtansichten im 18. Jahrhundert präzise Darstellungen dieser malte.[3]

Die These, dass die Naturwiedergabe der Fotografie der Anlass für abstrahierendes Arbeiten war, kann daher, wie ich meine, nicht mit diesem Absolutheitsanspruch stehengelassen werden.

Gemeint ist möglicherweise etwas Anderes. Die Fotografie bot eine spontane Unmittelbarkeit und eine indizienhafte Darstellung mit einem hohen Anspruch an Objektivität. Das war bei den Malern zuvor, bei aller fast fotografischer Genauigkeit, nicht gegeben. Deren Bilder entstanden in langen Sitzungen und konnten aus Teilen kombiniert werden, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten (Fotoshop lässt grüßen!) oder nicht zum selben Zeitpunkt am selben Ort waren. Die Bilder konnten also durchaus realistisch und idealisierend sein. Das war zumindest bei der frühen Fotografie anders.

Somit relativiert sich der zitierte Zusammenhang von Fotografie als eine Grundlage für die Abstraktion in der Kunst und führt zu der eigentlichen Frage, ob Fotografie einen Beitrag zur künstlerischen Abstraktion leisten kann?

Abstrakte Kunst ist eine Sammelbezeichnung für nach 1900 in Erscheinung tretende Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts. Sie verwendet die bildnerischen Gestaltungsmittel teils – wie der Kubismus – vom Gegenstand abstrahierend, teils völlig losgelöst von Natur und realen Gegenständen (gegenstandslose Kunst). Werke der ersteren Kategorie zeigen abstrahierte („verwesentlichte“, auf eine Essenz verdichtete) Gegenstände, Figuren, Räume.

Werke der letzteren Kategorie bedienen sich autonom der visuellen, künstlerischen Mittel, ohne jeglichen (…) Gegenstandsbezug[4]

Dieser Definition folgend kann sich die Fotografie sicher problemlos in den Kreis der künstlerischen Techniken einreihen, mit denen abstrakte Darstellungen gestaltet werden. So gesehen kann, ja muss es abstrakte Ansätze in der Fotografie geben, wenn diese ihren rein dokumentarischen oder realistischen Ansatz ins Künstlerische weiterführen möchte. Es gibt also durchaus Anlass, sich als Fotograf dem Abstrakten zuzuwenden.

David Gelernter schreibt zur Abstraktion in der Kunst: Für viele Menschen ist visuelles Denken – einschließlich der Erfindung von und mit dem Umgang mit abstrakten Bildern – ausgesprochen wichtig. (…) Für viele Menschen sind Bilder die Sprache des Menschen.[5]

Genau um die Anregung dieses visuellen Denkens geht es mir, wenn ich einen Schwerpunkt meines Fotografierens auf die fotografische Suche nach dem Abstrakten lege. Visuelles Denken erzeugt Bilder und diese wiederum Emotionen. Wer ein Stillleben einer Obstschale oder die Fotografie eines Tieres betrachtet, wird eine Ostschale oder ein Tier sehen und mögliche Emotionen genau daran festmachen. Wer scheinbar sinnoffene, abstrakte Gestaltungen, zum Beispiel durch Farbflächen, sieht, muss dieser Darstellung zunächst eine Haltung gegenüber entwickeln und kann dann in einen kreativen Deutungsprozess kommen. Dabei können Emotionen entscheidende Impulse sein. Emotionen (sind) wichtig dafür, unsere Aufmerksamkeiten zu wecken.[6] Hieraus können die unterschiedlichsten Deutungen und Sichtweisen des abstrakten Bildes entstehen. Wer zum Beispiel Arbeiten von Jackson Pollock betrachtet, kann sich auf deren Schichtung ebenso konzentrieren wie auf eine Rhythmik, die beim Betrachter zur Erinnerung an musikalische Erlebnisse führt. Er kann sich aber auch räumlich in ihnen „verirren“, sie zum Labyrinth werden lassen oder den Spuren mit Blicken folgen. Auch eine Analogie zu einem Blick von einem New Yorker Hochhaus hinunter auf die quirligen Straßen bei Nacht wäre denkbar.

Gerade bei Arbeiten aus dem Bereich des abstrakten Expressionismus sind die Deutungsmöglichkeiten schier unendlich. Dieser offene Prozess kann durchaus auch ein zutiefst demokratischer Prozess bezeichnet werden, da er nicht Lösungen vorgibt, sondern unterschiedliche Sichtweisen zulässt, ja geradezu provoziert. Er kann daher auch als kreativer Prozess bezeichnet werden. Kreativ nicht im Sinne des Gestaltens, sondern im Sinne des Deutens und Verstehens. Auf eine kreative Erkenntnis bewegt man sich nicht systematisch hin. Sie schießt einem unerwartet durch den Kopf. (Sie) hat viel (…) mit dem allmählichen Auftauchen von Gefühlen (zu tun)[7]

Für mich als Fotografierer ist es ein besonderer Anreiz, weg vom realistischen Bild, abstrakte Bildbegegnungen mit dem Medium Fotografie zu ermöglichen.

Dabei stehen mir zwei Möglichkeiten zur Verfügung:

Erstens der Einsatz von technischen Hilfsmitteln wie, Filtern, Belichtungsmanipulationen oder Lichtquellen.

Zweitens, die Suche nach Motiven, die den Regeln abstrakter Darstellungen in der Kunst folgen aber einen realen Bezug haben. Hierfür besonders geeignet sind Bildausschnitte, Motive, die fotografisch aus ihrem Bedeutungszusammenhang gelöst werden oder Bezüge zur Grafik herstellen.

Präsentiert man Fotografien unter dem Gesichtspunkt des Abstrakten, kann man bei den Betrachter*innen die bereits geschilderten subjektiven Vorgänge auslösen, wie dies auch andere Disziplinen der Bildenden Kunst machen. Man kann aber auch noch mehr erreichen. Da es sich um Fotografien handelt, also die Abbildung von etwas Realem – auch wenn man es nicht auf den ersten Blick erkennt – beginnt der Bertachter einen Bezug zum eigentlichen Objekt, zur Umwelt herzustellen. Er macht sich auf die Suche nach dem Realen, versucht das Bild ein- und zuzuordnen und bezieht damit das Bild auf seine Sicht der Welt. Abstraktion führt (somit) zur Prägnanz.[8]

Abstrakte Fotografie kann daher auch zur Nachdenklichkeit führen, wenn sich die interpretierbaren Abbildungen realen Motiven zuordnen lassen oder zu einem phantasievollen bildhaften Imaginieren führen. Aus der damit verbundenen Nachdenklichkeit kann wiederum eine kritische Haltung dem Gezeigten gegenüber entstehen oder zu dieser führen.

Bilder haben als Grundlage für Gedanken (…) eine (…) gute Eigenschaft. Es ist einfach und ganz selbstverständlich, sie zu komplexen, aber anschaulichen Kompositionen zu kombinieren.[9]

Dies gilt, nach meiner Auffassung, in besonderer Weise für abstrakte oder abstrahierende Fotografien.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Abstrakte_Kunst  (30.01.2020)

[2] (Vgl. z.B. ART – Das Kunstmagazin // Februar 2020)

[3] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Bernardo_Bellotto – 31.01.2020

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Abstrakte_Kunst  (30.01.2020)

[5] Gelernter, David; Gezeiten des Geistes, Berlin, 1.Aufl. 2017 (TB) – Seite 113

[6] Gelernter, David; a.a.O.; Seite 201

[7] Gelernter, David; a.a.O.; Seiten 202 / 225

[8] Gelernter, David; a.a.O., Seite 202

[9] Gelernter, Davis; a.a.O, Seite 61

Bilder

© Jürgen Ritter